04/4 Hanami - der unaufhaltsame Fruehling

alter KirschbaumGepflegter alter Kirschbaum

自從有了天窗
 就像親手揭開覆身的冰雪

我是北地忍不住的春天

鄭愁予.一九五七

Wenn der Ostwind weht, ist der Fruehling im Norden unaufhaltsam - unaufhaltsam sind die Kirschblueteknospe, unaufhaltsam ist das kosmische Zyklus, unaufhaltsam ist die Sehnsucht nach einem neuen Anfang. 

Worum Kirschbluete in Japan? Was macht denn dieses Phaenomen so besonders? 

Hast Du schon Mal alte Beaume gesehen? 100, 200 oder 300 Hundertjahren alt? Alt, leicht geknickt, rauh und volle Knollen? Vielleicht haesslich, unauffaellig und laestig? Was passiert, wenn so ein alter Baum blueht? Er blueht mit vollen seinen Kraft: aus den faltigen rauhen Staemme und Zwerge kommen die zarte, weisse oder rosa Bluete. So Zart, dass es fast melancholisch aussieht. So intensiv, dass seine Lebenskraft voll ausgeschoepft ist. So voll, dass seine Axte fast ausbricht.

Und wenn es nicht nur einen solchen Baum auf der Strasse steht, sondern 100 oder 1000 an einem Ort oder am Ufer? So wunderbar und praechtig, dass man fast eine Verbeugung vor diesen Baeume machen muss!

Ein junger bluehender Kirschbaum auf einem europaeischen Garten vermittelt uns nicht das gleiche Gefuehl wie ein alter Baum, der einfach an der Strasse steht, der aus seiner Lebenskraft vielleicht die letzte Hanami mitstreitet. Japaner bewundern nicht nur einen bluehenden Kirschbaum. Sie verstehen sogar, was das Kirschbluete-Bluehen bedeutet. Die Baeumen tun ihr Beste! Sie tun ihr Beste, zum bluehen, wenn der Fruehling sich voranschreitet.

Was passiert, wenn ein alter Baum das Hanami nicht mehr mitmacht? Wird er ins Altersheim verschoben? Wird er abgeholzt, damit ein junger Baum Platz bekommen kann? Die Kirschbluehte-Kult in Japan lebt mit einer anderen Logik. Sie entscheidet sich fuer einen alten Baum, der nicht mehr bluehen kann. Er wird gewickelt, gepflegt, gestuetzt. Sie glauben an den guen Wille des Baums. Es gibt nicht nur diesjaehrige Hanami, es gibt noch das naechste und uebernaechste. Sie tun ihr Beste - genau wie der scheinbar tote Baum einst tat, um diesen Baum wieder zum Leben zu wecken. Es geht nicht um die Erfolgschance, oder um das Hanami, sondern um den Baum, den man liebt. Ob diese Aufwand sich lohnt, wird nicht gefragt. Man tut das Beste. Um den Rest kuemmert sich das Kosmos.

Dieser Geist ist das, was mich von Hanami am meisten berueht. Die Liebe, die man hier zum Kirschbluete pflegt, ist nicht eine oberflaechliche Emotion. Man bewundert die bluehenden Masse, aber auch das, was die Natur Menschen inspiriert. Zu jedem Fruehling bluehen aehnliche Baeume, auch wenn die Gesichter der Menschen sich wechseln. Die Baeumen tun ihr Beste, ohne etwas zu wollen. So zu leben wie die Kirschbluete koennte wohl so bedeuten: so zu leben nur um das Beste aus dem Leben zum schoepfen.

Kirschbluete Tee

Diese Kult hat eine sehr triviale Seite: Kirschbluete konservieren, vor dem Gebrauch waschen und dann mit Sencha aufgiessen. Der Geschmack scheint mir nicht sehr romantisch.

02/4 Vor Chion-in

枯籐老樹昏鴉, 小橋流水人家, 古道西風瘦馬。 夕陽西下, 斷腸人在天涯

[越調] 天淨沙·秋思 (Herbst Gedanke)

馬致遠 Ma Zhiyuan(1255-1321, Yuan Dynastie, China)

peilinMeine Schwester vor Chion-In

Als wir vor diesem Haupttempel Chion-In von der Schule "Reines Land' erreichte, begegnen wir diese unbeschreibbare Landschaft. Ich fing an, die erste Strophe dieses Gedicht zu singen und meine Schwester folgte.

Eigentlich war es ein Fruehlingsmorgen. Die Sonne schien nicht wirklich freiwillig. Ich zog alles an, was ich hatte. Mir war es egal, ob es zusammenpasste. Kalt, rauh und feucht.

Ma Zhiyuan war einer der bekanntesten Poeten in der fremden mongolischen Herrscher-Zeit. Er schrieb am liebsten ueber Daemone, Geister und Gottheiten. In dieser unsichtbaren Welt suchte er wohl sein Zuflucht in seinem eigenen Land unter Fremden, oder war er selbst ein Fremder in der eigenen Land, das ihm immer fremder wurde? Unter der fremden Herrschaft duften die chinesischen Intellektuellen nicht politisch thematisieren. Die meisten suchten in der Literatur versteckt die Unterdrueckung zu artikulieren. Vielleicht war das Gedicht ein Spiegel seiner Seele, sich wie ein Wanderer mit nicht aussprechbarem Schmerzen unterwegs in dieser Welt zu leben. 

In diesem Gedicht beschrieb er einen Wanderer:

Im tiefen Herbst eilte ein Wanderer. Ihn begleitete ein mageres Pferd im Herbstwind auf einen einsamen Weg. Auf dem alten Baum hingen paar duerren Zweige und standen paar muede Voegel. Ein Fluss fluesterte ohne etwas zu wollen, ueber den Fluss stand ein kleiner Bruecke, am Fluss standen paar unauffaellige Haeuser. Es wurde immer dunkeler. Beim Betrachten des Sonneuntergangs spuerte der Wanderer sein gebrochenes Herz am Rand der Welt. 

Wer mit meiner Interpretation nicht zufrieden ist, koennte eine englische Uebersetzung noch nachlesen.

http://www.pureinsight.org/pi/index.php?news=3704

01/4 Hanami - Blumen bewundern

Hanami
Hanami
Hanami
Hanami
Hanami

Kirschbluete gibt es ja ueberall, auch in Washinton D.C. bluehen die Krischbluete. Wozu preisen wir denn die Kirschbluete in Japan und tausenden Touristen pilgern dort hin? 

Kirschbluete werden gepflueckt, gesalzt und konserviert. Als Tee aufgegossen mit Sencha, oder als Beilage zum Essen. Diese Art von Kirschbluete-Kult gibt es wohl auch nur in Japan. Aber warum? Koennte man in Washinton so eine Kult auch zerebrieren?

22/3 Kein Titel

Alle gingen nach Hause, als der schlechte Nachricht am heutigen Wahlabend kam. Nano weinte bereit, als das erste schlechte Ergebnis genannt wurde.

Der Raum wurde bald leer. Es blieben ich und mein Teelehrer. Seine Frau versteckte sich dort, wo der Tee versteckt ist. Ich spuerte das schwere Herz, das aus Unversteandnis weinte. Diese Dinge kann man schwer verstehen, wenn man nicht unter einer Diktatur lebte und dagegen gekaempft hat.

Er senkte seinen Kopf vor dem Teetisch. "Morgen ist wieder ein Tag. Ab morgen kuemmere ich mich nur noch um das Essen. Ein gutes Resturant zu finden, das gute Essen zu kaufen und zu kochen. Ab morgen kann ich nur noch mit Tee sprechen." er jammerte, " ich kann mich nicht mehr um Politik kuemmern, es wird wieder so wie frueher, wir duerfen wieder nicht mehr laut sagen, was wir denken!" Ich konnte ihn nicht troesten, weil ich auch unter dieser Diktatur gelebt habe. Ich weiss, was eine Zensur bedeutet, wie das Geheimdienst funktioniert und was die politische Freiheit bedeutet, wenn man entbehrt wurde.

"Ab morgen kuemmere ich mich nur noch um Tee." er weinte "Hoffenlich gibt es in Hundertjahren noch Formosa Oolong!" Mein Lehrer stammt aus dem Land, Mingjian. Ein Bauersohn, der an einem Teebaum gebunden war, als die Erwachsene beschaftigt waren. Er sprach mit mir meistens nur auf Taiwanesisch, weil er auf Chinesisch nicht ueber Tee sprechen kann. Seine Liebe zum Tee war die Liebe zu diesem Land. Im Vergleich mit mir hat er das Glueck ein Heimat zu haben, das ihn stuetzt. Er kann nirgendwo leben als auf diesem Insel. Ohne diese Insel und ohne Formosa Oolong waere er nicht er. Trotz seiner Liebe zu Taiwan liebt er Tee ueber alle Grenze, er liebt ebenfalls gute Tees aus China. Er liebt auch Rotwein, Eiswein, Schweinshaxe und Whisky.

Mit seiner Arbeit und Talent waere er eigentlich der Teeguru Taiwans. Er lebt allerdings in einer Zurueckgezogenheit, in einer kleinen Gasse, wo man die Adresse nachfragen muss. In vielen kleinen Gasse Taipeis verstecken sich viele Persoenlichkeiten, die ihre Arbeit im Hintergrund tun und keine Anerkennung im Massen suchen. "Medien ist ein Aufzug, der Dich hochfaehrt und auch runter faehrt. Sie brauchen Ereignisse." Er wollte kein Star sein. Das war seine Entscheidung, seine eigene Arbeit machen, die ihm Spass macht und davon leben zu koennen. Etwas in Bewegung zu setzen war sein Motor, um den Trend des Formosa Oolongs zu drehen. Solang er da ist, wird der Formosa Oolong in einem Vielfalt gelebt, das dem Markt nicht richtig beeinfluessen kann. "Wenn alle den standarisierten Tee verkaufen, muessen wir anders handeln. Wir werden Menschen finden, die es satt haben - mit dem standarisierten Futter. Formosa Oolong hat viele Gesichter, die gezeigt und gepflegt werden muessen. Nicht mit Institution, sondern wir machen es." sgate er immer zu mir. Aber was mache ich, wenn manche Kunde immer noch seinen Meinung festhalten, wie sie den Tee so verstehen - dem Trend nach und den standarisieren Geschmack nachjagen. "Es geht uns nichts an. Das ist ihre Sache. Dich nicht beirren lassen."

Jedesmal, wenn ich mit ihm Tee trank, denke ich oft an dem letzten Shongun Tokugawa Yoshinobu in der japanischen Edo-Zeit. Er gab widerstandslos seine Macht an dem Kaiser zurueck und trat widerstandslos in dem Schatten der Gesellschaft. Er verlor seine Macht, seinen Titel und sein Zuhause, nur weil er an seinen Platz in der Geschichte dachte. Die Bdeutung seiner Rolle in der Geschichte war ihm sehr bewusst. Er wusste, dass er der letzte Shongun war, in einer Epoche und in einem System, was bereits zur Vergangenheit gehoerte. Er wusste, dass er nicht das Glueck innehatte, eine erfolgreiche Persoenlichkeit zu spielen, sondern die Rolle des letzten Shonguns - er handelte anders als the Last Emperor of China. Als der erste Attentat auf dem japanischen Kaiser ausgeuebt wurde, sagte er zu seinen Kindern, dass sie einen Beruf lernen muessen. Die Zeit sei anders geworden. Auch er wurde in seiner Zeit von seiner Gefolgschaft nicht verstanden. Er sei zu feige. Mit seinem Fall verlor ebenfalls die Gefolgschaft ihren Platz und Glanz. Aber nicht alle sind zufrieden mit dem Leben ohne Glanz. 

Seine Rolle in der Geschichte ist dem Yoshinobu wichtiger als der Schein im Hier und Jetzt. Meinem Lehrer ist es dessen nicht so bewusst, worum es geht. Fuer ihn geht es nur darum, Formosa Oolong in seinen Gesichter weiter geben zu koennen und die Geschichte des Formosa oolongs weiter schreiben zu lassen. Er wollte nur seine Verbindung zu dieser Erde und zu dem Tee weiter an andere Generation zu vermitteln. Mehr denke er nicht. Aber die Geschichte des Formosa Oolongs wird die Arbeit dieser Person ein Kapitel widmen.

15/3 Rythmus des Tees

Rythmus des Tees

Mit leuchtenden großen Augen grüßte mich Simone, die ich in Muba kennen lernte, in ihrem Atelier. Ihr Atelier roch nach Erde, nach Glasur und nach ihr. Eine sanfte, klarer und behagliche Atmosphäre, wie ihre Person. Sie war sehr neugierig auf mich, wie ich überhaupt nach MuBa ging und hier landete. Nach MuBa war nicht gewollt, reiner Zufall, wahrscheinlich nur um sie zu begegnen. Hier zu landen ist eine gewöhnliche Geschichte einer taiwanesischen Studentin, die nach ihrem Studium hier hängen geblieben ist. Sie fragte mich, weshalb ich so ein gutes Deutsch spreche. Ich antwortete, weil ich mir Mühe gebe, weil ich in der ersten Stadt, wo ich Deutsch lernte, viele schlechte Erfahrungen als ein sichtbarer Fremde erlebte - es war in Köln. Ich war 20. Da beschloss ich, die Sprache so gut wie möglich zu beherrschen, dass ich mich selbst verteildigen kann! Leider verwende ich oft noch Ausdrücke falsch und verursacht es immer wieder ungewollte Missverständnisse! Ich erzählte ihr lachend rückblickend in den ersten Jahren und von meinem Kulturschock zuerst mit dem Deutschen und jetzt den Schweizer. Zusammen lästerten wir über die Welschschweizer.Sie fragte mich, ob ich mit meinem Temperament Mühe hätte, mit den Menschen in diesem Breitengrad. Sie selbst habe eine starke Emotionalität, die oft den Schweizer überfahren würde. Ich konnte nichts anders machen als nur richtig lachen. "Ich muss schrecklich sein für die meisten Menschen hier. Ehrlich gesagt, ich weiss nicht, wie sie meine Frechheit und Indiskretion ertragen!" Ich kann leider nicht anders sein als ich selber - so indiskret und emotional. Darum haben wir beide zueinander gefunden. Die wenigsten Menschen kommen mit ihrer Emotionalität klar. Entweder verbergen wir unser Verlangen oder Emotion und es wird zu einem Eisberg. Oder wir funktionieren unsere Mitmenschen zu unserem Mülleimer um und wir werden selbst zu dem Spielball der eigenen Emotion. Als mein eigenes Spielball möchte ich nicht sein und dieses Bewußtsein dafür hat es mit dem Tee-Praxis angefangen. Man lernt im Praxis des Tees sich allmählich zu beobachten und wird über eigene Gefühle und Themen immer bewußter. Und irgendwann hört man auf, etwas sein zu wollen.

Sie erzählte mir von ihrem Werdegang, während ich Tee zubereitete. Der Preis, den man für den eigenen Weg bezahlt, bezahlt man oft mit der Rechnung vom materiellen Leben. Ein einfaches und bescheidenes Leben führt sie, aber mit einem Privileg, ihre Berufung auszuleben. Sie fühlt sich zu diesem Weg als Keramiker berufen und manifestiert ihre Glaube durch ihr Werk. Ehrgeiz ist ein falsches Wort um ihren Einsatz zu bezeichnen, sondern es ist ein Bewußtsein einer Berufung. Ihr überkam trotzdem manchmal der Zweifel, ob sie ihre Arbeit überhaupt weiter fortsetzen kann und ob es überhaupt realistisch ist, weiter zu kämpfen. Vor allem wenn sie das nötige Geld für ein verrücktes Projekt bräuchte, wie z. B. 800 Sfr. für eine wichtige Investition. Sie seufzte. Ich schaute ihr in die Augen, "Das Geld haben wir sehr schnell zusammen. Ein gutes Projekt scheitert nie ans Geld!" Das Geld ist eigentlich dafür da, dass menschliche Zusammenleben einfacher wird. Das war das Prinzip meiner Familie. Mit ihrem Talent und ihre unbeirrte Glaube an ihre Berufung wird sie immer Hilfe erhalten und Kenner begegnen. Die Auszeichnung 2006 Eidgenössische Design Preis brachte sie den Einzug in die Fachmagazin und Presse. Jetzt kommt sie sogar nach Hamburg und Berlin.

Sie bewunderte meine Celadon-Teekanne, die mich am meisten begleitete. Eine Teekanne aus der Industrie-Produktion, hat in meinem Auge eine schöne Form und erfüllt einen guten Zweck. Eine verrückte Teekanne hatte ich auch dabei. Sie kostete ursprunglich 600 Sfr. Der Künstler Chen Wenqi gab mir für die Hälfte, weil er erkannt, dass ich Tee schätze und liebe. Diese Teekanne macht einen wunderschönen Regenbogen und eine harmonische Linie durch den Körper und Wasserstrahl. Sie zeichnete sofort. Ein Swiss-Made Gongfu Set wird nun geboren. Es muss eine eigene Form sein, die hiesige Bedürfnisse entspricht und zugleich den Geist des Tees unverfälscht vermittelt. Die Tassen müssen angenehm an den Mund schmeicheln, den Finger Platz geben, um in einen Zug auf dem Tisch hingestellt werden zu können. Die Kanne sollte einen ästhetischen Regenbogen-Wasserstrahl auschenken können. Das Set sollte in einer harmonisch linie schwingen und zugleich praktisch sein. "Wie sollte das Set heissen?" "Rythmus des Tees?"

Plötzlich wurde es 19 Uhr. Wie schrecklich! "Ich muss noch nach Wintertur fahren!" "Und ich nach Fribourg!" Entsetzt packten wir schnell das Geschirr zusammen. Ich übergab ihr meine Celadon-Teekanne, die mich in letzter Zeit immer begleitete und sie bei dem Entwurf begleiten wird. Paar ausgesuchte Geschirr nahm ich mit - mein komisches Haushalt hat nun wieder solche einzelne ausgesuchte Tellern und Tassen, die nie zueinander passen - sie sollen es auch nicht tun. Ich möchte paar Gerichte auf ihren Tellern servieren, wenn sie nach Zürich kommt. Sie lächelte und nickte. Vielleicht im späten Frühling?

11/3 Vor der Abreise

Im Telefon klang es ziemlich gut, wie die politische Lage in Taiwan im Moment aussieht. Teelehrer Chen war in bester Stimmung und sagte mir, dass sie sich auf meinen Rückkehr freuen und die Situation für unsere Lage sehr günstig sei. Mein Vater ist im Moment wieder auf Reise und wird wohl am gleichen Tag wie ich in Taiwan eintreffen. Er schien vergeblich auf meinen Anruf vor seiner Abreise gewartet zu haben. Ich sagte meiner Schwester, dass ich viel zu viel zu tun habe.

Sie freuen sich auf meinen Rückkehr, aber freuen sich wohl noch mehr, wenn ich wieder abreise. Meine arme Familie muss immer ertragen, wenn ich daheim bin, wenn Verwante oder ihre Freunde nach meinem Wohl fragen. Sie lehnen für mich Einladungen ab und geben für mich Erklärungen ab, warum ich immer noch im Ausland aufhalte. Nach dem Hinschmeiss meiner Uni-Karriere habe ich keinen Grund mehr in Europa zu bleiben. Und die Geschichte mit dem Tee? Damit muss man doch nicht studiert haben! Das Milieu meiner Familie versteht das nicht, wie ein studierter und scheinbar intelligenter Mensch sich mit Tee beschäftigen und zum Beruf machen möchte. Ich verstehe ihr Bedenken gut.

Eigentlich habe ich es nicht gewählt. Das ist einfach so entstanden. Warum sollte ich gegen das Geschehende kämpfen. Vor paar Jahren beschloss ich ein einfaches Leben zu führen und gestalte meine zwischenmenschliche Beziehung ebenfalls überschaubar und geradelinig. Ich suche keine Anerkennung und mache einfach im Schweigen meine Arbeit - für mich. Das Geschäft mit dem Tee scheint ganz gut zu passen. Manchmal gibt es Auseinandersetzungen, dass man Vorstellungen klar formulieren muss und Grenze aufweisen muss. Aber diese unangenehme streitige Dingen schaffen Klarheit, die das Leben wieder angenehm macht. Für eine konfuzianisch erzogene Frau ist es nicht einfach auf ein Ersuchen, mit Nein zu reagieren. In einer von germanischen Gesprächskultur dominierten Gesellschaft muss es andererseits stets gelernt werden, Menschen auf die Grenze deutlich hinzuweisen. Es muss hier alles angesprochen, besprochen, ausgesprochen und abgesprochen haben. Deutsche und Schweizer halten zu fest an Wörter, anstatt an das Unausgesprochene und Unsichtbare. Diese Diskrepanz war einst problematisch für mich, inzwischen betrachte ich, als Pech für Menschen, die die andere unsichtbare Welt nicht sehen wollen. Ich glaube nicht an aus- und versprochene Wörter und lerne das Nein zu formulieren auf meine Art. Deutsch werde ich nie, chinesisch werde ich immer weniger. Es ist gut so.

Mein Teevater war sehr enttäuscht, dass ich ihm vor dem Heimkehr nur drei Doese Tee mitbrachte. "Was mache ich dann, wenn etwas passiert?" "Warum sollte etwas passieren? Wenn, dann kaufst Du halt wo anders." Es gibt eine Menge gute Teeläden wie Länggass Tee, Reichmuth von Reding etc. Sogar im Internet bei Tea Home kann man Tee direkt aus Taiwan bestellen. Es ist alles möglich heute. Es war seine Art, mir mitzuteilen, wie sehr er mich vermissen würde. Inzwischen gibt es in diesem fremden Land eine Menge Menschen, zu den ich eine Beziehung pflege, die auf Verständnis, Affinität und Liebe zu ähnlichen Dinge aufgebaut ist, anstatt auf "Blut" und auf eine imaginäre Vergemeinschaftlichung. Sie sind mir nicht mehr gleichgültig. Dieses Aspekt wird klarer, wenn die Welten sich wechseln und die Frage nach "wo hin gehst Du?" gestellt wird.

Ich gehe nach Taiwan - nun eher als ein teilnehmender Beobachter. Zuerst leide ich unter Schlaflosigkeit - wie "Lost in Translation" und dann mache ich meinen gewöhnlichen Gang durch die Gasse. Zu den gleichen Essstände, zu den gleichen Restaurants und zu den gleichen Kaffeeshops. Wenn der Geschmack in diesen Orten sich in meiner Abwesenheit nicht verändert, empfinde ich ein Glücksgefühl - meine Welt ist noch in Ordnung. Aber die Welt dadraußend hat seinen eigenen Lauf.